24. Dezember 2018

Weihnachten in Japan

„Oh, du feierst Weihnachten mit deiner Familie!?“ Yuka bleibt abrupt stehen. Die Menschen auf Tokios Omotesandō strömen an uns vorbei. Aus dem Geschäft vor uns erklingt das Lied von Rudolf, dem rotnasigen Rentier. Schon wieder! Ich schaue zu Yuka. Über Ihr spannt sich ein künstlicher Himmel aus LED-Lämpchen. Es sieht aus, als würde goldenes Licht auf sie herabregnen. Ihr Blick verrät tiefe Besorgnis.
Es ist nicht so, dass meine Familie besonders anstrengend wäre oder Yuka generell etwas gegen Familienfeste hätte. Im Gegenteil, noch vor wenigen Minuten hat sie vom anstehenden Neujahrsfest geschwärmt, das sie bei ihren Eltern in einem verschlafenen Provinzdorf verbringen wird. Aber hier geht es um „Kurisumasu Ibu“ (クリスマス・イブ), wie man den Heiligen Abend in Anlehnung an das englische „Chrismas Eve“ nennt.
Plötzlich klart sich ihre Miene auf: „Warte, du kennst doch Mariko ...“ Ja tue ich. Und ich ahne auch was nun folgen wird und unterbinde den nett gemeinten Verkupplungsversuch mit dem Verweis auf mein schon längst gebuchtes Flugticket. Wir reden zwar dem Namen nach vom gleichen Fest, aber was Deutsche und Japaner unter einem gelungenen Weihnachtsfest verstehen ist schwer mit einander vereinbar.

 

Anders als in Deutschland ist Weihnachten in Japan kein traditionelles Familienfest. Es ist kein offizieller Feiertag und frei von religiöser Bedeutung. Bei weniger als 1% Christen in der Gesamtbevölkerung wenig überraschend. Trotzdem hat es sich in vielen Familien eingebürgert, dass Kinder am 24. oder 25.12 von einem Wesen Namens „Santa Claus“ mit Geschenken bedacht werden. Im Wesentlichen ist Weihnachten in Japan jedoch ein Fest für Paare. Eine Art zweiter Valentinstag, wenn man so will. Wer an diesem wichtigen Tag keine Verabredung vorzuweisen hat ist schon ein wenig zu bemitleiden.
Die Einkaufszentren und Geschäfte bauen auf die Freigiebigkeit von Eltern und frisch Verliebten. Bereits Wochen vor Heiligabend erstrahlen die Städte in eindrucksvollen Lichtspielen, den so genannten Chrismas Illuminations. Die Schaufenster sind gefüllt mit allem was irgendwie an Weihnachten erinnern soll und amerikanische Weihnachtslieder verfolgen die Kunden auf jedem Schritt. Während das Fest für Eltern und Kinder mit dem Überreichen der Geschenke abgeschlossen ist, absolvieren Paare am Abend des 24. Dezember eine Art romantischen Triathlon.

Die Weihnachtsbeleuchtung

Die meisten japanischen Paare beginnen den Abend mit einem romantischen Spaziergang im Glanz der Weihnachtsbeleuchtung. Berühmte Einkaufsstraßen und Shopping-Komplexe investieren jedes Jahr Millionen von Yen in die Entwicklung und Umsetzung aufwendiger Lichtspiele, die wenig mit der vergleichsweise langweiligen Weihnachtsbeleuchtung deutscher Städte gemein haben. Teilweise entstehen zu den Tönen klassischer Musik ganze Traumlandschaften aus kleinen Lämpchen, die man mit Recht als „beeindruckend“ bezeichnen kann.
Mit dem Spaziergang endet der Teil des Abends, der auch ohne Planung leicht durchzuführen wäre.

 

 

Das Restaurant

 

Nachdem man sich ausgiebig an den besten Weihnachtsbeleuchtungen der Stadt erfreut hat, wird es Zeit zum romantischen Candle-Light-Dinner in ein gutes Restaurant zu wechseln. Wer hier nicht schon Wochen im Voraus reserviert hat, steht vor einem Problem, denn 100 weitere „spontane“ Paare hatten vermutlich die gleiche Idee. Irgendwann während dieses Aufenthalts nutzen beide Partner die Gelegenheit, im Schein der Kerzen ihre Weihnachtsgeschenke auszutauschen.

 

 

Das Hotel

 

Besonders junge Paare stehen vor dem Problem selten über Nacht zusammen sein zu können. Viele japanische Studenten wohnen oft noch bei ihren Eltern oder in einem Wohnheim. Beides Orte, an denen im wahrsten Sinn des Wortes wenig Platz für romantische Momente bleibt. Die Übernachtung in einem Hotel ist für sie die beste Möglichkeit den Abend gebührend abzuschließen. Auch hier ist eine frühe Buchung unbedingt erforderlich, wenn man den Abend nicht mit einer minderwertigen Absteige ruinieren möchte.

 

Etabliert wurde die japanische Weihnachts-Dreifaltigkeit, während der 80er Jahre. Es war die Hochphase des japanischen Wirtschaftsbooms, in der man gerne Geld für neue Trends und eine gute Zeit ausgab. Der Legende nach war es eine Frauenzeitschrift, die erstmals den Heiligen Abend zum perfekten Anlass für romantische Zweisamkeit ernannte. Ein Restaurantbesuch und die Übernachtung in einem guten Hotel sollten da schon drin sein. Auch wenn das Geld heute etwas weniger locker sitzt, hat sich diese japanische „Weihnachtstradition“ im Wesentlichen gehalten

 

Quelle: Weihnachten in Japan. Stand vom 22.12.2014. URL: https://www.japanwelt.de/blog/japan-feiert-weihnachten-ganz-anders/